Druck abgelassen

Lars 22. Dezember 2013 Ein Kommentar Drucken

Wie groß der Druck für gewesen sein muss, zeigte seine Reaktionen, als Schiedsrichter Hartmann nach 93 Minuten die Pfeife zum letzten Mal in den Mund nahm. Wie ein Berserker hüpfte der Werder-Trainer über den Platz. Wie ein Publikumsliebling klatschte er die Fans in der Kurve ab und warf sich immer wieder mal jemanden in den Arm. Und schließlich die Pressekonferenz: Dutt konnte nur wenige Sätze mit zittriger Stimme sagen und musste dann mit einem gehauchten „Frohe Weihnachten“ abbrechen. Die zwei Fragen aus der Journalistenrunde brachte er dann noch irgendwie über die Bühne, bevor er sich endgülitg in die Winterpause verabschiedete.

Und man konnte jedes seiner Worte nachfühlen: Die Begeisterung über die Fans im Stadion. Die Erschöpfung nach den letzten 93 Minuten dieses Jahres. Die Aussage, dass ihm die ersten sechs Monate bei Werder wie sechs Jahre vorkamen.
Doch zum Spiel. Die Aufstellung war die selbe wie gegen Berlin (bis auf eine Änderung, die jedoch einen großen Unterschied machen sollte), also mit Makiadi, Elia, Hunt, Di Santo und Petersen recht offensiv.. Daher ging ich zu Beginn davon aus, Dutt ließe wieder mit einer Raute spielen und mit dem Versuch, das Heil im Spiel nach vorne zu suchen. Es kam jedoch gottseidank anders. Makiadi und Bargfrede bildeten eine Doppel-6 und auch die eigentlich offensiven Außen Di Santo und Elia waren wie Hunt und Petersen durchweg sehr weit hinten zu finden. So spielte die Mannschaft also – endlich mal wieder, möchte ich hinzufügen – wie zu Beginn der Saison.

Und es hat sich gelohnt. Bremen machte sowohl die Mitte als auch die Außen sehr eng, Di Santo und Elia waren eher die jeweils zweiten Außenverteidiger und Leverkusen kam kaum zu schnellen Gegenstößen. Auf der anderen Seite hatte Werder einige Möglichkeiten, schnelle Konter zu fahren. Man merkte jedoch wieder einmal, dass diese nicht unbedingt zu den derzeitigen Stärken der Mannschaft zählt. Es fehlte immer irgendwie ein zweiter Spieler neben Hunt (über den fast alles lief) der mit dem Ball schnell und sicher etwas anfangen konnte. Elia verdribbelte sich zu oft nach vorne, Hunt hielt den Ball oftmals zu lange oder musste den Ball zu lange halten, weil eben die Anspielstation fehlte, die im letzten Jahr De Bruyne war. Junuzovic könnte so ein Spieler in der Rückrunde sein.

Und in der Defensive hielt Bremen über die gesamte Spielzeit die disziplinierte Grundordnung bei. Das einzig Negative, was mir im Laufe der ersten Halbzeit auffiel, war, dass Leverkusen zu viele Möglichkeiten für Standards bekam. Vor allem Elia konnte sich hinten meist nur mit einem Foul helfen, aber auch andere wie Bargfrede und Garcia gingen oftmals unfair ans Werk. Das zeigte jedoch andererseits die so nötige Aggressivität der Mannschaft und erwies sich eigentlich als die richtige Taktik (wenn es denn eine Taktik war): Leverkusen konnte den Ball nicht laufen lassen und die Standards brachten nur selten richtig große Gefahr. Das lag vor allem daran, dass da im Abwehrzentrum wieder einer war, den ich zu Recht so sehr vermisst habe in den letzten Spielen. Und von dem ich nicht mehr geglaubt habe, so etwas zu schreiben.

Also kurz zu einzelnen Spielern:

: Ich habe nicht damit gerechnet, ihn in der Startformation zu sehen und war daher umso erfreuter. Und er zeigte von Anfang an, was uns gefehlt hat in den letzten Spielen: Jemand, der in der Mitte fast alles abräumte, was in den Strafraum flog. Prödl wird wahrscheinlich nie ein begandeter Aufbauspieler sein. Seine Qualitäten kommen allerdings in einem Spiel wie dem gestrigen sehr gut zum Tragen. Es war ein wirklich starkes Spiel des Rückkehrers.

: 22 Torschüsse hatten die Leverkusener und kein Mal musste unser Torwart hinter sich greifen. Das lag zum einen an der guten Mannschaftsleistung insgesamt, zum anderen zeigte Wolf aber mindestens zwei richtig gute Paraden und hielt Werder so im Spiel. Und auch darüber hinaus wirkte er sehr aufmerksam, etwa beim Hinauslaufen und beim Dirigieren seiner Abwehr.

: Auch er gefiel mir sehr gut, war im defensiven Mittelfeld sehr aktiv und ließ nicht viel zu. Bargfrede beging die meisten Fouls bei Werder und zwischenzeitlich, nach seiner gelben Karte, hatte ich das Gefühl, es könnte eng werden bei ihm. Nach Ballgewinn leitete er zumindest einen sehr vielversprechenden Konter ein, behielt dann den Ball jedoch zu lange am Fuß. Insgesamt kann er so jedoch gerne weiter spielen.

: Nach vorne war er wieder einmal zu wenig effektiv. Er vergab eine große Chance zum 2:0 und spielte sich auch sonst zu oft fest. Nach hinten war er jedoch, genau so wie Di Santo auf der anderen Seite, eine große Hilfe und hat damit die Ansagen des Trainers sehr gut umgesetzt. Darüber hinaus lief er mit etwas über zwölf Kilometern am meisten bei Bremen.

: Mit Prödl für mich wieder mal der beste Spieler bei Werder. Man merkte ihm nicht an, dass er in der Wochee kaum trainieren konnte, er trieb die Mannschaft nach vorne, war an jedem Angriff beteiligt und hatte nach Elia die meisten intensiven Läufe. Ich möchte mir nicht vorstellen, wo wir ohne ihn stehen würden.

Und schließlich muss ich natürlich noch  noch erwähnen. An Einsatz fehlt es ihm ja nie und auch gegen Leverkusen gehörte er bei Ballbesitz und Laufdistanz zu den Besten. Und bei seinem Siegtor war er reaktionsschnell und holte sich beim anschließenden Jubel keine gelbe Karte ab.

Wichtiger als die Einzelbewertungen ist jedoch die Leistung der gesamten Mannschaft. Es fiel eigentlich niemand ab, alle stellten sich voll in den Dienst der Mannschaft und haben die Vorgaben des Trainers hunderprozentig umgesetzt. Natürlich bekam Leverkusen seine Drangperioden, sowohl in der ersten Halbzeit als auch im zweiten Durchgang. Und natürlich ging besonders im Spiel nach vorne immer noch Einiges schief.

Doch zeigte dieses Spiel, was Werder auch mit limitierten Möglichkeiten, aber dafür mit Disziplin und Einsatz erreichen kann. Und genau das ist es, was Werder aus diesem Spiel mitnehmen sollte in die Rückrunde.

Nach einigen puren Zahlen war dieses Spiel übrigens im Vergleich zu den 16 Spieltagen zuvor absoluter Durchschnitt:

Werderblog_Spiel Gegen Leverkusen

Da ist es doch schön zu sehen, dass zum Fußball mehr gehört als Statistiken.

Ich werde mich sicher noch ein paar Tage an diesem für derzeitige Bremer Verhältnisse perfekten Hinrundenabschluss erwärmen, bevor dann die knusprige Realität wieder Einzug hält. Und ähnlich sollte es für Dutt und Eichin sein.
Denn überbewerten sollte niemand diesen Sieg. Die Probleme der letzten Spiele sind nicht verschwunden und daher müssen die Verantwortlichen in der Winterpause wichtige Entscheidungen treffen: Wir brauchen auf einigen Positionen Verstärkungen und Robin Dutt muss die Balance im Bremer Spiel herstellen. Später dazu mal mehr.

Heute und auch über Weihnachten überwiegt allerdings noch die Freude.

Frohes Fest.

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1 Kommentar »

  • Lars (Autor) sagt:

    Zu den Fans wollte ich eigentlich noch etwas im Beitrag schreiben, das sei nun hiermit nachgeholt: Schon während des Spiels hatte ich das Gefühl, dass etwas anders war, als in den letzten Heimspielen. Die Stimmung verebbte nicht nach zehn Minuten und einigen Fehlpässen und beschränkte sich dann auf die üblichen Gesänge der Ostkurve. Das gesamte Spiel über war die Begeisterung auf den Rängen zu spüren und zu hören. Besonders beeindruckend war, die die Fans die Mannschaft auch in den Druckphasen von Bayer anfeuerten und wie jeder Befreiungsschlag bejubelt wurde.

    Ich hoffe, das wird auch in der Rückrunde und auch an schlechten Tagen anhalten. Allez Grün!

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