Auf der Kippe

Lars 16. September 2013 7 Kommentare Drucken

Es hat wahrlich keinen Spaß gemacht, dieses Spiel zu sehen, und ich habe mir immer wieder gedacht, dass ich eigentlich auch ausschalten kann, aber als Fußballfan ist es ja wie mit Anhängern bestimmter Parteien vor einer Wahl: Man weiß, dass es eigentlich nicht gut ausgehen kann und trotzdem hofft man bis zum meist bitteren Ende.

Dabei hätte Werder es ja beinahe wirklich noch geschafft, den Spielverlauf hätte das jedoch nicht widergespiegelt. Dazu waren manche Zahlen zu eindeutig:

Ballbesitz: Werder 33% – Frankfurt 67%
Passquote: Werder 67% – Frankfurt 86%
Erfolgreiche Pässe: Werder 180 – Frankfurt 512
Gewonne Zweikämpfe: Werder 41% – Frankfurt 59%

Diese Zahlen alleine geben zwar schon einen ganz guten Einblick, das Spiel mit ansehen zu müssen war jedoch ungleich frustrierender. Natürlich war es nach der frühen roten Karte sehr schwer gegen die an dem Tag richtig guten Frankfurter, jedoch hatte ich schon von Anfang nicht das Gefühl, dass es gut ausgehen würde. Dafür war Frankfurt zu überlegen und abgeklärt und Werder schlicht und ergreifend zu schlecht.

Das war heute ein Tag zum Vergessen.

Thomas Eichin

Und zwar schlecht in jeder Hinsicht.Die Abwehr, vor allem die Außenverteidiger, kamen mit den schnellen Spielzügen der Frankfurter nicht klar und reagierten viel zu langsam, siehe Fritz beim 0:1. Und bei eigenem Ballbesitz ging es aus der Abwehr nicht wirklich koordiniert nach vorne. Gegen das defensive Mittelfeld kann ich eigentlich gar nicht viel sagen, was vielleicht daran liegt, dass ich es schlicht verdrängt habe. Was mir jedoch sehr gut in Erinnerung blieb, war diese erschreckend unkreative Ballbehandlung im offensiven Mittelfeld. Ekici, Elia, Hunt, Makiadi wirkten allesamt überfordert, mit dem Ball irgendetwas Sinnvolles anzustellen und viel zu schnell waren die Bälle wieder weg. Di Santo war zwar sehr bemüht, mehr konnte er dann allerdings wegen seines übermotivierten Fußtritts nicht mehr zeigen. Und er wird es auch die nächsten drei Spiele nicht zeigen können (ich denke übrigens, die Sperre geht voll in Ordnung).

Vielleicht bin ich ja zu negativ und es gab doch einige Lichtblicke, die mir nicht mehr in Erinnerung sind. Falls dem so ist, dann bitte bitte sagt es mir in den Kommentaren. Bitte!

Bei Frankfurt konnte man sehen, wie eine Mannschaft einen Plan haben kann. Und dazu noch das nötige Spielverständnis und die Qualität mitbringt, diesen Plan auch erfolgreich umzusetzen. Das sah wirklich richtig gut aus, wie die Hessen gespielt haben. Und wie sie Schwächen unserer Bremer ausgenutzt haben, zum Beispiel unsere Außenverteidiger. Zu Recht spielen die Frankfurter diese Saison international und sie werden wohl auch diese Saison in der Liga vor uns stehen, wenn sie so weitermachen. Natürlich ist eine Mannschaft auch immer so gut, wie der Gegner sie lässt und in dieser Hinsicht hätte es Frankfurt schwerer haben können. Aber wie gesagt: Für war das eine beeindruckende Leistung der Eintracht.

Zur Einzelleistung unserer Spieler kann ich eigentlich gar nicht so richtig viel sagen, zumindest nicht in der ersten Halbzeit. Hunt kam mir nicht ganz so lethargisch vor wie die ersten Spiele dieser Saison, aber ansonsten verliert sich alles im unkreativen und erbärmlichen Einheitsbrei.

Dass es in der zweiten Halbzeit dann etwas besser wurde, lag ein wenig an den Wechseln von Dutt und der Tatsache, dass Werder etwas mutiger wurde, und wohl zu einem ungleich größerem Anteil daran, dass Frankfurt es ruhig angehen ließ, wohl mit Blick auf das anstehende Europapokalspiel (ob ich diese Worte jemals noch mal mit unserer Mannschaft in einem Satz schreiben darf…?). Die Einwechslungen haben zumindest Stabilität und mit Iggy einen Spieler gebracht, der immer kämpft. Und es gab dann tatsächlich einige Chancen für Werder, die größte natürlich durch Hunt nach nicht wirklich berechtigtem Elfmeter. Dass der nicht reinging, passte natürlich perfekt zu diesem Spiel. Nach dem großartig vollendeten Stürmertor durch Prödl spätestens war die Partie dann endgültig gelaufen.

Ich habe schon öfters gesagt und geschrieben, dass ich unserem Trainer Zeit gebe, nach der Durststrecke der letzten drei Jahre hier etwas aufzubauen, und das stimmt natürlich immer noch uneingeschränkt. Nichtsdestototrotz beginne ich mir Sorgen zu machen. Nach den ersten drei Spielen hatte ich die Hoffnung, dass es mit der Stabiliserung der Defensive schneller geht. Das Spiel gegen Gladbach und noch viel mehr dieses letzte Spiel waren dann doch sehr ernüchternd. Noch mehr als in der Defensive vielleicht sogar noch offensiv. Im Mittelfeld fehlt uns definitv die Kreativität und derzeit weiß ich nicht, wer da noch hineinwachsen soll. Und noch weiter vorne im Sturm ist von Durchschlagskraft noch nicht viel zu sehen. Petersen scheint noch in ähnlicher Verfassung wie in der letzten Rückrunde und die Hoffnung, die bei mir mit Di Santos aufkeimte, muss ich für die nächsten drei Spiele dann erstmal wieder begraben.

Wie gesagt, ich habe durchaus Geduld und mir war von Anfang an bewusst, worauf es diese Saison ankommt: zum einen der Klassenerhalt und zum anderen möchte ich sehen, dass sich die Mannschaft unter Dutt weiterentwickelt, dass die Fehler der Vergangenheit abgestellt werden und wir wieder einen funktionierenden Spielplan erkennen können. Dass es dabei auch Rückschläge gibt, ist klar.

Drei Niederlagen in Folge sind jedoch schon happig. Und jetzt kommt das Nordderby. Auswärts. Gegen einen HSV, der ebenfalls dringend ein Erfolgserlebnis braucht. Ich habe ein wenig Angst.

Noch 34 Punkte.

gar nichtnicht so gutdurchschnittlichguthervorragend (Stimmen: 0)
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7 Kommentare »

  • Tobias (Meine Saison) sagt:

    Einen Lichtblick gab es aus meiner Sicht, der vor allem angesichts unserer schwachen Offensive wichtig sein könnte: Die Standards waren richtig gefährlich (3 gute Chancen in der ersten Halbzeit, 2 in der zweiten), das habe ich in der Form seit langer Zeit nicht mehr so gesehen bei Werder. Kann natürlich Zufall sein und ich würde es noch nicht zu hoch bewerten, aber es wäre ja schön, wenn man aus dem Spiel heraus noch keine Gefahr entwickeln kann. Umso blöder, dass es Defensiv ein Rückfall in alte Zeiten war. Gegen Gladbach hat man zumindest eine Halbzeit lang gut verteidigt und ist erst nach dem Rückstand defensiv unsicher geworden. Gegen Frankfurt war es von Anfang an grauenvoll. Es war zwar zu erwarten, dass die Entwicklung nicht linear verläuft und an den ersten Spieltagen auch Glück dabei war, aber so ein Rückfall in alte Zeiten in der Defensivarbeit ist schon übel, wenn man Offensiv noch gar nichts anzubieten hat.

    Bis zur Winterpause sollte man Dutt auf jeden Fall Zeit geben, die Defensive hinzubekommen. Die Ausgangslage war dafür ja nicht gerade optimal bei seinem Amtsantritt, um es vorsichtig zu formulieren. Wenn er das schafft, muss er der Mannschaft in der Rückrunde eine eigene Handschrift verpassen. Bei Gladbach und Frankfurt sieht man ja ganz gut, was in 1-2 Jahren möglich ist. Derzeit sind wir davon noch meilenweit weg.

  • Ul Rich sagt:

    Eine gute Analyse.

    Meine Ansicht dazu: Ich war im Stadion und kann nicht bestätigen, dass Hunt weniger lethargisch gewesen wäre als in den Spielen davon. Um mich herum saßen Leute, bei denen hätte nicht viel gefehlt und die hätten Gegenstände nach diesem Spieler geworfen. ER ist aus meiner Sicht ein ganz zentraler Schwachpunkt dieser „Mannschaft“. Seine Bewegungen können noch nicht einmal als „Alibibewegen“ (was man aus den Altherrenmannschaften gelegentlich kennt) angesehen werden.

    Ein weiterer ganz schlimmer Schwachpunkt der Mannschaft sind die beiden Außenverteidiger und der nicht existente Sturm. Anders als der obige Artikel glaube ich bei letzterem Nicht, dass Petersen (und irgendwann auch mal wieder Di Santo) noch nicht in einer guten Verfassung sind. Es ist einfach so, dass das Spiel von Dutt Stürmern keine Möglichkeiten gibt – jedenfalls nicht Stürmern, wie Werder sie derzeit hat. Und da kommen wir zu dem Problem, das ich als schlimmstes derzeit ansehe. Dutt hat eine Spielidee. Offensive über die Außenverteidiger bei einem zurückrückenden Sechser (Makiadi – bitte nicht mehr Kroos) ist super. Rotierende Offensivspieler ist super. Beides aber nur, wenn man Spieler hat, die Spielintelligenz haben. Das geht Werder ab. Die Mannschaft scheint einfach nicht das Verständnis für das System von Dutt zu haben. Fritz etwa läuft immer wie ein Irrer nach vorne, spielt aber keinen (!) einzigen Pass nach vorne, sondern allenfalls nach hinter zurück oder quer. Das ist doch nicht die Idee der aufrückenden Außenverteidiger. Mit dem Zurückrücken von Makiadi bricht dann die große Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld auf. Jede Zweitligamannschaft sieht das und wird hier diese Räume besetzen. Und die Offensivspieler sind nicht in der Lage zu rotieren. Ein Petersen muss vorne bleiben und auf (derzeit gar (!!!) nicht stattfindende) Flanken von außen hoffen. Ekici muss hinter den Spitzen spielen, nicht rumrotieren. Hunt sollte ein paar Spiele aussetzen.

    Dutt macht meines Erachtens vieles gut, aber all das vorstehende falsch. Er hofft noch immer noch (und an der Stelle darf man sich fragen, wie gut er dann als Trainer ist), dass diese Mannschaft sein Konzept versteht… Das wird nicht passieren, denn die Tendenz geht abwärts, die Qualität der Spiele wird schlechter. Das darf aber bei fortschreitender Saison nicht passieren. Die Spieler verstehen es einfach nicht. Wenn das aber so ist (siehe die vielen Beispiele oben), dann muss man als Trainer vielleicht auf ein einfacheres Konzept zurück – z.B. 4-4-2 ohne Rotationen und wie auch immer verschiebende Spieler. Dann mag Werder zwar ausrechenbarer sein und damit das eine oder andere Spiel verlieren. Ein eingespieltes einfaches und ehrliches Spiel aber kann diese Mannschaft verstehen und sich über dieses System Selbstvertrauen holen.

    Das (!) ist meines Erachtens die Aufgabe eines Trainers – Dutt, von dem ich mir viel versprochen hatte, scheint das aber nicht zu verstehen. Schade für ihn, aber er wird – wenn er so weitermacht und die Grenzen der Mannschaft nicht versteht – die Saison nicht überstehen.

    Mirko Votava steht bereit und wäre ein super Trainer für diesen Haufen! Aber noch gebe ich die Hoffnung auf Dutt nicht auf…

  • Lars (Autor) sagt:

    Ja, Tobias, in die Standards (gilt ein Elfmeter als Standard…?) habe ich vor allem in der zweiten Halbzeit auch viel Hoffnung gesetzt und das muss einfach eine der Maßnahmen sein für die kommenden Spiele. Dass aus dem Spiel heraus nicht viel geht derzeit, hat man ja nun wirklich gesehen. Ich hab allerdings das nicht auf Zahlen begründete Gefühl, dass in der letzten Saison die Standards jetzt nicht unbedingt ungefährlicher waren.

    Es war wirklich erschreckend, wie alles vorher Gezeigte so völlig weg zu sein schien, vor allem wenn man bedenkt, dass die Trainer aufgrund der Länderspielpause lange mit der Mannschaft in Ruhe arbeiten konnten, zumindest mit einem Großteil. Meine Geduld ist aber wie gesagt auf jeden Fall noch vorhanden und kann auch noch weitere Niederlagen verkraften, wenn denn mittelfristig etwas passiert.

  • Lars (Autor) sagt:

    Danke für Deinen Eindruck als Stadionbesucher, vorm Bildschirm hat man ja nunmal selten den großen Überblick. Deine Kritik am Trainer kann ich zwar nachvollziehen, ich würde ihm aber schon noch Zeit lassen, das richtige Konzept mit dem vorhandenen Spielern zu finden. Und eine Umstellung unter einer neuen sportlichen Leitung dauert nunmal anscheinend einige Zeit, vor allem wenn wir nicht die Qualität haben wie andere Mannschaften. Eine Sache, die ich unter Dutt jetzt schon sehr positiv finde und was man in den letzten Jahren zu selten gesehen hat, ist die Einbeziehung unseres Nachwuchses. Und auch das dauert seine Zeit.

    Hunt macht mir allerdings Sorgen. Formschwankungen gab es bei ihm ja schon immer, aber zur Zeit hat das vielleicht auch mit seiner Rolle zu tun und mit der Tatsache, dass er im offensiven Mittelfeld keine Partner hat. Oder er kommt mit dem Druck nicht klar, dass er auch ausdrücklich laut Trainer der Schlüsselspieler ist. Nur wenn er nicht, wer soll dann vorangehen?

  • Ul Rich sagt:

    Das mit den Schlüsselspielern ist sowieso ein Problem. Weder Hunt, noch Prödl noch Mielitz bringen verlässliche Leistungen. Durch die Klassifizierung als unumstrittene Schlüsselspieler auf bestimmten Positionen schwächt der Trainer sich selbst. Auch Clemens Fritz ist alles andere als überzeugend. Als Kapitän muss man mehr bringen. Versteht mich nicht falsch, auch ich möchte dem Trainer Zeit geben. Aber ich sehe gewisse Parallelen zum Ende von Thomas Schaaf. Auch er hat versucht, die (leider derzeit nur mäßigen) Spieler in seine Taktik hinein zu pressen. Wenn ein Linksfuß auf rechts, ein Rechtsfuß auf links spielen muss, wenn ein Stürmer wie Petersen nicht wirklich vorne stürmen darf, dann verunsichert das nicht nur den Spieler, sondern auch die Mannschaft. Und ich bleibe bei der Meinung, dass ein guter Trainer so etwas sehen muss. Experimentieren ja, aber nicht auf Teufel komm raus. Auch Guardiola in München wird wohl von seinem Experiment, Philipp Lahm in den Mittelfeld einzusetzen, schnell wieder Abstand nehmen. Der Unterschied ist, er tut es!

  • Alte Schwächen: Grünweiß-Stammtisch 14-04 - Grünweiß sagt:

    […] Auf der Kippe / werderblog.net […]

  • dawo. sagt:

    Ich sehe vieles ähnlich, meinen Vorrednern muss ich aber widersprechen.
    Das Zaubersprichwort ist wirklich „Geduld mit Dutt“. Der muss seine Taktik für Bremen noch finden, nicht umsonst hat Werder in den ersten fünf Spielen keine zwei mal mit dem gleichen Personal/Plan auf dem Platz gestanden.
    Demnächst sind sechs Spiele gespielt, ein Drittel der Hinrunde. Man hat im Pokal schon früh viel verloren und auch in der Probierphase sollten Ergebnisse gezählt werden, ABER das hilft uns langfristig nicht weiter. Langfristig braucht das Team einen Masterplan. Schaafs Rautenoffensivspektakel hat sich auch nicht nach drei Wochen über die Liga ergossen, das haben KATS in Jahren zusammengebaut. In Bremen geht vieles gerade sehr schnell, viele Neuen kommen und alte Zöpfe wurden abgeschnitten. Deswegen ist mahnen angebracht, denn das Team soll nicht noch in akuten Abstiegsstress geraten. Aber jetzt schon nach „Struktur“ oder „Plan“ zu rufen, halte ich für zu früh. Wenn Dutt mal zweimal mit der gleichen Elf auflaufen lässt oder taktische Muster sich wiederholen, dann kann man über das große Urteilen. Bis dahin übe ich mich in Geduld und beiß mir die Fingernägel bis zu den Knöcheln ab.

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