Ich habe verstanden

Lars 16. April 2012 8 Kommentare Drucken

Fast die gesamte letzte Saison hatte ich das Gefühl, einen bösen Traum zu träumen, aus dem ich früher oder später wieder aufwachen würde. Am siebten Spieltag der laufenden Saison dachte ich mir, dass Werder wieder da sei, wo es hingehört, nämlich ganz oben als mindestens einer der Verfolger des ewigen Primus Bayern München. Im Laufe der Hinrunde, als es stetig schlechter wurde, hatte ich zwar ein komisches Gefühl im Bauch, ging aber noch davon aus, dass es sich um die typische Krise handelt, die sich mein Verein gerne mal nimmt im Laufe einer Saison, normalerweise zwar am Beginn der Rückrunde, aber was soll’s.

Dann kam die Rückrunde und es wurde irgendwie nicht besser, im Gegenteil. Wie so viele andere habe ich immer wieder Ausreden gesucht und gefunden: miserable Schiedsrichter, Pech wie Rosenbergs Flirten mit Pfosten und Latte, die Verletzungsmisere, schlechtes Wetter. Je länger die Saison dauerte, desto mehr habe ich mir eingeredet, dass irgendwann der Knoten platzen werde und zum Ende war es ja oft genug der Fall, dass Werder noch mal kam, wenn alle anderen nicht wollen. Eben dies, die Schwäche der Anderen, hat auch nicht gerade dazu beigetragen, die Situation des Vereins und der Mannschaft realistischer zu sehen. Und dann gab es ja noch diese Spiele gegen die beiden HSVs oder zuletzt gegen Gladbach.

Natürlich habe ich die ganze Zeit die spielerischen und taktischen Mängel gesehen, dass unser Kurzpassspiel fast vollständig abhanden gekommen ist, dass unser Mittelfeld erstaunlich unkreativ daherkam, dass unsere Offensive blass blieb. Die Mängel in der Verteidigung waren dabei ja schon nicht mehr der Rede wert, weil Standard. Auch dass unser System nicht wettbewerbsfähig war, habe ich gesehen.

Die wirkliche Ernüchterung kam bei mir, wie bei vielen Anderen, erst mit dem Spiel gegen Stuttgart. Oder vielmehr nach dem Spiel. Denn noch mehr als die peinlichen Leistungen gegen Köln, Stuttgart oder die Anderen davor, fand ich die Worte von aufschlussreich, zum Beispiel:

„Wir haben einfach gerade nicht diese Basis, um uns Automatismen anzueignen. Das ist keine Grundlage, um große Hoffnungen zu entwickeln. Aber es ist unsere Pflicht, uns gegen die Bayern nichts vorwerfen zu lassen. Unser Ziel ist es, auch die nächsten Spiele zu gewinnen, aber wir sind auch realistisch genug zu wissen, wie schwer die Aufgabe wird.“

Oder:

„Ich schaue jetzt weniger auf die Europa League, als vielmehr auf die nächste Saison. Es steht fest, dass wir Veränderungen vornehmen müssen. Für Details ist das hier in Stuttgart aber der falsche Ort und so kurz nach einem Spiel die falsche Situation. Aber wir werden an einer Mannschaft arbeiten, die nicht mehr diese extremen Schwankungen zeigt. Wir werden mittelfristig eine Mannschaft haben, die wieder oben mitspielen wird. Die ersten Schritte dahin haben wir in dieser Saison gemacht. Wir haben viele junge Leute dabei, die sich entwickeln werden.“

Für Allofs ist die Saison also gelaufen und wenn wir uns alle die derzeitige Situation der Mannschaft realistisch angucken, dann kann man nur zu diesem Schluss kommen. Natürlich kann man auf eine knappe Niederlage der Bayern morgen hoffen, damit sie dann nur noch an das Rückspiel gegen Real denken und uns in Ruhe lassen. Aber selbst dann. Ohne Sokratis, Fritz, Marin und all die anderen Verletzen und mit einem Pizarro, der zu Zeit an alles zu denken scheint, nur nicht an seinen Noch-Club Werder Bremen. Was soll da passieren? Wolfsburg mag ja mit dem letzten Rest des Bremer Selbstbewusstseins noch machbar sein. Doch dann kommen die Schalker, die wohl bis zum Ende mit Gladbach um den dritten Platz kämpfen.

Natürlich habe ich noch Hoffnungen, die werde ich als Fan nie aufgeben. Und natürlich werde ich die letzten Spiele mitfiebern. Doch haben mir Allofs und die Mannschaft die Augen geöffnet und ich habe endlich verstanden, auf was wir uns einzustellen haben, unabhängig davon, ob wir vielleicht doch noch die Qualifikation zur Europaliga erreichen. Der Umbruch, wovon viele Fans so leichtfertig sprechen und die trotzdem das Anspruchsdenken, das wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben, nicht aufgeben wollen, wird dauern und er wird auch nach dieser Saison höchstwahrscheinlich schmerzhaft sein.

Vergleicht die Mannschaft von vor zwei Jahren oder nur von letztem Jahr mit der von heute oder mit der der nächsten Saison. Das sind Welten und das geht nun mal nicht reibungslos. Und das habe ich verstanden und ich bin bereit, diesen Wandel mitzumachen und auch mindestens eine weitere Saison ohne Europa zu akzeptieren, wenn nicht mehr. Nichts Anderes bedeutet nämlich das kleine Wörtchen „mittelfristig“ in Allofs Zitat oben.

Jedoch bin ich nicht bereit, solche spielerischen Leistungen wie zuletzt weiterhin zu akzeptieren und deswegen müssen sich natürlich Dinge ändern und Spieler, Trainer und weitere Verantwortliche müssen auch verstehen.

  • Ich möchte Spieler in unserem Trikot sehen, die zumindest verstanden haben, dass Fußball auch Kampf und Einsatz bedeutet.
  • Ich möchte eine Mannschaft auf dem Platz stehen sehen, die einen Plan hat, ein Verständnis von Fußball und nicht dieses konzeptlose Herumirren wie so oft in dieser Saison.
  • Ich möchte, dass unsere Verantwortlichen auf allen Ebenen die Situation nicht mehr schönreden oder sich in der behaglichen Werderwelt einkuscheln, sondern die nötigen Dinge anpacken und ändern, was zu ändern ist, auch wenn es schmerzhaft ist.
  • Und ich möchte einen Trainer, der mir erklärt, wie er erfolgreich Fußball spielen lassen will, der ein klares System hat, der aber auch flexibel reagieren kann.

Die Frage, ob Schaaf noch der richtige Trainer ist, stelle ich mir natürlich auch. Mich hat diese Saison besonders enttäuscht, dass die Mannschaft offensichtlich nicht aus der Vorsaison gelernt hat und dafür ist natürlich der Trainer einer der Hauptverantwortlichen. Ich gehe jedoch davon aus, dass unser Trainer auch in der nächsten Saison heißen wird. Und deswegen ist die Diskussion um den Trainer müßig. Nicht müßig ist jedoch die Diskussion darum, was sich ändern muss und inwiefern Schaaf seine Methoden ändern muss.

Prinzipientreue ist nämlich kein Selbstzweck.

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8 Kommentare »

  • Kata sagt:

    Sehr gelungener Beitrag Lars, weniger emotional wie viele Blogs nach Stuttgart, aber dennoch kritisch genug, um das Desaster in seinem vollen Umgang zu erkennen.
    Nur eine Sache, die teile ich nicht unbedingt: „Der Umbruch, wovon viele Fans so leichtfertig sprechen und die trotzdem das Anspruchsdenken, das wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben, nicht aufgeben wollen, wird dauern und er wird auch nach dieser Saison höchstwahrscheinlich schmerzhaft sein.“

    War es wirklich das Anspruchsdenken der Fans oder tragen nicht KATS.Lemke + etliche Spieler ihr Schäflein dazu bei? In der Sommerpause wurde vom Umbruch gesprochen, aber auch parallel dazu das Saisonziel EL ausgegeben. Dazu kamen Willis Drama-Statements in Kochshows und via Bild, wie finanziell arm doch Werder sei, wie schlimm das ist, nicht international zu spielen. Weiterhin taten die Lippenbekenntnisse der Spieler ihr übriges: „Wir wollen Meister werden“, „Wir träumen von der CL“, „Auch der FCB wird noch stolpern“ … etc. So etwas weckt doch Begehrlichkeiten u. natürlich auch Anspruchsdenken.
    Jeder, der schon mal einen Umbruch in einer Firma mit durchlaufen hat, weiß wie langwierig sich dieser in all seinen Prozessen hinstrecken kann. Da träumt niemand ein 1/2 Jahr später von satten Gewinnen.
    Und genau das werfe ich KATS vor: Hätte man am Anfang der Saison klar vermittelt, dass man erst nach dem Umbruch wieder an das Internationale Geschäft denken wird, wäre das Anspruchsdenken nicht in diesem Maße ausgefallen, die Enttäuschung nicht so groß. Aber so tat man noch, als wäre der Fastabsturz letzter Saison ein Versehen gewesen: „Wir sind wieder da! Ich werde mindestens 2 Tore schießen. Wir werden die EL noch erreichen. Wir geben alles!“
    Komisch auch dass KA die EL schon abgehakt, während die Spieler nicht müde werden, uns weiterhin mit vollmundigen Durchhalteparolen zu nerven.
    Ich bin gespannt, wie Werder diese alte Verkrustungen aufbrechen will … bleibe aber dennoch skeptisch. Ein Trainerwechsel wäre z.B. der Anfang des Umbruchs gewesen, aber man ist wohl nach wie vor der vollen Überzeugung: Es kann nur (den) einen geben.

  • Lars (Autor) sagt:

    Vielen Dank, Kata. Du hast recht, das Anspruchsdenken zieht sich durch den gesamten Verein und natürlich nicht nur bei den Fans. Die Erfolge der letzten Jahre haben da wohl blind gemacht oder das Denken gefördert „Ach, das wird schon irgendwann wieder, hat ja auch in der Vergangenheit geklappt“. Oder auch die typischen Aussagen beim Abgang von wichtigen Spielern, dass das ja normal für uns sei und wir das immer wieder kompensiert haben. So etwas macht satt und zufrieden und nun haben wir den Salat.

    Bei den letzten Aussagen von Allofs sehe ich schon einen Wandel (was bleibt ihm auch Anderes übrig), aber ich stimme Dir zu, so etwas hätte ich von ihm gerne vor einem Jahr oder sogar noch früher gehört.

  • borttronic sagt:

    Die Hoffnung und der Anspruch kamen doch auch aus der Tabellenkonstellation. Wenn eine Mannschaft fast durchweg unter den ersten 6 steht, dann darf der Anspruch Europa auch mal ausgesprochen werden – alles andere wäre da tatsächlich auch verlogen (wie z.B. Dortmund die selbst jetzt nicht mal sagen, dass sie Meister werden wollen).

    Ich bin aber irgendwie immer noch viel zu angepisst, um wirklich objektiv und emotionslos darüber zu schreiben. Deshalb lasse ich es

  • Lars (Autor) sagt:

    Es gibt natürlich auch viele Dinge, die ich noch nicht verstanden habe. Zum Beispiel warum wir überhaupt wieder in dieser Situation sind, einen kompletten Neuaufbau zu starten, wo wir doch jahrelang fast durchgehend nicht nur unter den ersten 6, sondern unter den ersten 3 standen (Und noch dazu Spieler wie Diego oder Özil verkauft haben). Es wirkt dann ja doch so, als ob alle von dieser neuen Situation völlig überrascht wurden.

  • Nackenschläge | Papierkugel Blog sagt:

    […] da aber doch sehr eindeutige Aussagen, die auch noch einmal zeigen, dass der Umbruch im Gange ist. Lars vom Werderblog hat es sehr gut zusammengefasst. Joey von gruenweiss.org hat auch einen sehr guten Artikel […]

  • Jasper sagt:

    Moin,

    schöner Beitrag. Aber Mal im Ernst, dachtest du wirklich solange, dass der Knoten noch platzt? Ich bin da deutlich pessimistischer gewesen. In der Hinrunde waren sehr viele Siege und Punktgewinne extrem glücklich (z.B. gegen Köln oder Hertha). Unter dem Eindruck der letzten Saison hat mir da schon ganz böses gedämmert. Was wenn uns das Glück verlässt. In der Rückrunde dieser Saison passierte dann genau das.

    Eine Katastrophe.

    Ich hoffe, dass der Umbruch schnell und geplant vollzogen wird. Die Last-minute Transfers in den letzten Jahren kamen so spät, dass die Spieler nicht mehr integriert werden konnten.

    An Schaaf und Allofs sollte man nicht rütteln, die sind noch das einzige was uns von Köln und Hertha unterscheidet. Die Leistung tut es nämlich nicht mehr

  • Saisonabschluss | Hamburg ist grün-weiß sagt:

    […] Papierkugel-Blog: UUUUSNNSNUNUUNNNN Grün-Weiss: Saisonrückblick (Audio) / Nach Saisonschluss: Leere (Text) Werderblog: Ich habe verstanden […]

  • Saisonabschluss | hambourg est vert-blanc… sagt:

    […] Werderblog: Ich habe verstanden […]

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