Mein erstes Mal…

Stephen 31. Mai 2009 4 Kommentare Drucken

Hier ein völlig subjektiver Erfahrungsbericht vom gestrigen Abend: Gestern war ich auf dem Domshof in Bremen und habe mir das erste Mal in meinen 31 Jahren Lebenszeit ein so genanntes Public Viewing gegeben. Und nun bin ich zumindest um eine Erfahrung reicher. Um kurz vor halb acht kam ich zusammen mit einem Freund dort an. 1 Euro Sicherheitsgebühr wurde uns abgenommen und zudem auch noch der Rucksack geprüft. Auch eine standesgemäße Leibesvisitation gehörte zum umfangreichen Willkommensgruß der Security. Danach aber eröffnete sich einem der Vorhof zur Hölle. Dabei war es weder besonders voll, noch waren die Fans schlecht drauf. Nein, was mich fast zur Weißglut trieb war das an Debilität grenzende Rahmenprogramm des dort vor Ort präsenten Radiosenders.

Die halbe Stunde bis zum Anpfiff verbrachte das schlechte Zerrbild eines Moderators zumeist mit dem Gröhlen von „Finale! O-HO!“ oder wahlweise auch dem besonders eloquenten „Werder! Bremen!“. Dazu noch beste Ballermann-Mucke und schon überkam mich der tiefe Drang, einfach wieder nach Hause zu gehen. Als man vor dem Spiel noch das obligatorische „Lebenslang grün-weiß“ abspielte, schien keiner der Stimmungskanonen auf den Gedanken zu kommen, beim Refrain den Ton runterzudrehen, um die Fans besser zu hören und für ein bißchen Gänsehaut zu sorgen. Nein, jegliche Stimmung wurde von der riesigen Soundanlage niedergewalzt. Ist es wirklich das, was die Leute wollen?

In der Halbzeitpause dann ein TOTAL witziges Spiel zweier weiblicher Fans, die auf die Showbühne geholt wurden. Wer den Ball am häufigsten hochhalten kann, gewinnt Suppenhuhn aus Gummi oder so. Gewonnen hat die eine, die es immer schaffte den Ball 2,5 mal hochzuhalten. Dafür durfte sie einmal die Welle starten. Glückwunsch auch an dieser Stelle von mir. Wenigstens hielt der Moderator während des Spiels seine Klappe und ging einem nicht auf den Keks. Nach dem 1:0 durch Özil explodierte die Stimmung und alle lagen sich kollektiv in den Armen. Danach war eine knappe halbe Stunde zittern angesagt, bevor der Schiedsrichter die Pfeife in den Mund nahm, um das Finale abzupfeifen und Bremen somit Pokalsieger wurde. Die Freude war groß und die Stimmungskanonen des oben genannten Radiosenders durften die Welle der Euphorie reiten und sich daran erfreuen, dass alle bei „We are the champions“ und „Lebenslang grün-weiß“ oder auch „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ mitsangen. Danach ging es Richtung Hauptbahnhof, wo man sich durch hupende Autos schlängelte und die eine oder andere Kreuzung in Beschlag nahm. Vor allem ohne Animateur, denn so war das deutlich entspannter. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir sowas noch mal antue. So geil es war, zusammen mit anderen Werderfans das Spiel zu gucken, das Tor und den Pokalsieg zu feiern, so nervig war das Rahmenprogramm.

Und leider tauchten nach dem Abpfiff auch die üblichen Dummbeutel auf. Schon während des Spiels wurde in der Menge mindestens ein Bengalo gezündet. Nach dem Abpfiff drehte ich mich um, um einen Blick auf die feiernde Menge zu ergattern. Dabei sah ich knappe zwei Meter hinter mir einen vielleicht 15 oder 16-jährigen Jungen mit einem Feuerwerkskörper in der Hand. Ob es ein Bengalo oder gar ein Böller war, konnte ich nicht erkennen. Die Zündschnur war schon an, stand er da und freute sich. Andere um ihn herum, die dem Treiben zusahen, drängten nach hinten, um nicht zu dicht am pyrotechnischen Effekt zu stehen. Ich muss gestehen, dass mich meine Manieren für 5 Sekunden verlassen haben und ich ihm verbal gedroht habe, den Schwachsinn sein zu lassen. Daraufhin verhinderte er hektisch ein weiteres Abbrennen der Zündschnur. Als wir den Domshof verließen, kam es direkt vor uns fast zu einer Schlägerei zweier Gruppen. Das beherzte Eingreifen der Security konnte Schlimmeres verhindern. Es bleibt, wie gesagt, ein zwiespältiger Eindruck. Das Rahmenprogramm nervig, aber das Feiern in der Masse war schon geil. Und ich bin froh, dass es auch etwas zu feiern gab.

Keine Tags zu diesem Beitrag vorhanden.
gar nichtnicht so gutdurchschnittlichguthervorragend (Stimmen: 20, Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...

4 Kommentare »

  • Conti sagt:

    War zwar nicht in Bremen (leider?), finde aber auch, dass Fussball allgemein immer mehr zum Event wird. Im Stadion in Berlin haben sie auch nur Musik gespielt anstatt die Fans singen zu lassen. Während der WM übrigens auch (gerade in Dortmund wäre ein Gesang viel besser gewesen).

    Auch die Kameraführung zeigt doch jeden Ausraster des Trainers in der 100. Nahaufnahme, die Entstehung eines Eckballs wird so oft wiederholt, dass man die Ecke fast verpasst. Schade, schade.

  • Stephen (Autor) sagt:

    Ja, aber die Nummer auf dem Domshof war richtig krass. Den Fans wurde (zumindest solange ich vor Ort war) gar nicht die Möglichkeit gegeben, dass sich da mal spontan Fangesänge entwickeln. Alles wurde vorgegeben, von dem Animateurs-Clown und seinem DJ. Das finde ich echt schade. Dagegen ist es im Stadion richtig entspannt. Man kann sowas auch irgendwie dezenter machen. Aber vielleicht sind wir mit der Ansicht auch in der Unterzahl und den meisten gefällt es einfach. Kann ja sein.

    Ich kann mich ja auch irgendwo damit abfinden, dass Fußball immer zum Event wird, denn es gehört einfach mittlerweile dazu. Mögen tue ich es nicht, aber anders kann man Spieler wie Diego oder Wiese nicht bezahlen. Es ist irgendwo ein notwendiges Übel.

  • Michel sagt:

    Vielleicht solltest du weniger voreingenommen und mehr besoffen sein, dann hättest du sicherlich mehr Spass gehabt. ;)
    Und das es immer ein paar Leute gibt, deren Verhalten, Einstellung oder sonstwas einem nicht passen, ist bei einer Veranstaltung mit dieser Besucherzahl mehr als normal. Sei froh das es nich mehr waren.

  • Stephen (Autor) sagt:

    Tja, leider hat es nicht für eine Druckbetankung vor dem Spiel gereicht. Außerdem war ich nicht voreingenommen, im Gegenteil, ich habe mich auf darauf gefreut, am Domshof das Spiel zu schauen. Wenn ich da eh schon von aus gehe, dass das schlecht wird, dann bleibe ich auf dem Sofa. Und sorry, dass einige mit Feuerwerkskörpern in der Menge rumhantieren und wieder andere sich auf die zwölf geben wollen, fällt für mich nicht unter zu tolerierendes Verhalten.

Kommentar hinterlassen

Kommentar hier hinterlassen, Trackback auf Ihrer Seite einfügen oder Kommentare als RSS abonnieren.

Um zu Ihrem Kommentar automatisch ein Bild einzufügen, registrieren Sie sich bei Gravatar.