Anderlecht lässt grüßen

Karsten 28. September 2008 11 Kommentare Drucken

Wenn eine gegnerische Mannschaft, die vor dem Spiel von den Bremer Anhängern mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt worden ist, nach dem Spiel unter Standing Ovations verabschiedet wird, muss in den vergangenen 90 Minuten etwas Großes passiert sein. Groß war vor allem eines: das Spektakel und die Show! Mit der Offensivbrille betrachtet, war es das Beste, was ich seit Jahren von zwei Mannschaften gesehen habe. 9 Tore und unzählige Torchancen auf beiden Seiten, die zum einen durch eklatante Fehler ermöglicht worden waren, aber insbesondere auch durch grandioses Zusammenspiel.

Patrick hat mit seiner Sicht der Dinge absolut Recht. Was Werders Abwehr (vielleicht mit Abstrichen von Naldo) gestern abgeliefert hat, war eine absolute Katastrophe. Ich bin normalerweise jemand, der die Schuld nicht allein auf die Viererkette schiebt, sondern die Probleme in der gesamten Defensivleistung der Mannschaft sieht, allerdings war gestern offensichtlich, dass die Sportkameraden Fritz und Boenisch total überfordert waren.

Über Fritz braucht man eigentlich gar nicht mehr zu sprechen: in dieser Saison spielt er einfach unterirdisch, wenn er die grün-weiße Raute überstreift (mit dem Bundesadler funktioniert es komischerweise ganz gut). Sein Stellungsspiel und vor allem der Antritt und das Zweikampfverhalten könnte sich ohne Probleme auf jedem Bolzplatz dieser Republik einreihen. Daran, dass sein Laufstil immer ein wenig so wirkt, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen, habe ich mich ja schon gewöhnt, aber im Moment sieht es nicht nur so aus…

Sein Gegenüber, Sebastian Boenisch, kann Spiele entscheiden. Leider nicht im positiven Sinne. Obwohl er im Gegensatz zu Fritz auch mal das ein oder andere Duell gewinnt, spielt er pro Partie mindestens einen Pass unbedrängt zum Gegner. Das Fatale dabei ist, dass ihm das immer wieder in der Vorwärtsbewegung passiert und er seinem Gegner damit in der Regel eine 1-gegen-1-Situation mit Wiese offeriert.

Per Mertesacker hat leider auch noch nicht zu seinem Stellungsspiel zurückgefunden. Allerdings hat die Innenverteidigung derzeit auch keinen leichten Stand, wenn Frings die 6er-Position einnimmt. Gegen die Bayern machte Vranjes seine Sache sehr gut. Er setzte zwar nicht die Akzente nach vorne, wie es der Lutscher macht, aber nichtsdestotrotz schießen wir auch ohne diese Vorstöße unsere Hütten. Mir wäre es daher lieber, wenn wir dem Laden hinten zu ein wenig mehr Stabilität verhelfen könnten.

Unterm Strich – und damit möchte ich die Defensivkritik auch abschließen – gilt die Phrase: „die Stürmer gewinnen das Spiel, die Abwehr gewinnt die Meisterschaft“. Dass wir 2004 Meister geworden sind, lag zum einen an unserer Offensivstärke um Micoud und Ailton, aber auch am kongenialen Duo Ismael und Kristajic. Sollten wir es nicht schaffen, die Flüchtigkeitsfehler abzustellen, wird es auch dieses Jahr nichts mit dem ganz großen Coup.

Nach dem Abpfiff sagte jemand neben mir an der Toilettenrinne, dass ihn das heutige Spiel an die legendäre Partie gegen den RSC Anderlecht erinnert habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich so ein Spiel auch schon lange nicht mehr erlebt. Es trafen mit Werder und Hoffenheim zwei Mannschaften aufeinander, die das Offensivspiel lieben und auch über die Einzelspieler verfügen, diesen Sport zu zelebrieren. Ich kann mich nicht entscheiden, welches Werder-Tor das schönste war. Das der Özil drei Mal auf Tor hämmert und das Leder davon zwei Mal unter dem Gebälk einschlägt, ist einfach unglaublich! Vor allem inspirierte mich die Selbstverständlichkeit, die er dabei an den Tag legte. Ich glaube an diesem Jungen werden wir noch eine Menge Freude haben. Aber auch die Tore von Hunt, Diego und Pizzaro müssen sich nicht davor verstecken. Letztlich kann man es mit einem Wort umschreiben: „Perfekt“.

Im 11-Freunde-Jahresheft habe ich schon angedeutet, dass ich Hoffenheims Erfolg eher kritisch gegenüberstehe. Andererseits hat Herr Hopp mir mit der gestrigen Partie den ganz großen Zirkus verschafft und dafür bin ich ihm irgendwie auch wieder dankbar. Nachhaltig beeindruckt hat mich insbesondere, dass die Hoffenheimer nie aufsteckten. Anders als die saturierten Bayern vor einer Woche, stürmten die Jungs mit den blauen Trikots auch nach dem 1 zu 4 immer wieder nach vorne und ließen die Köpfe nicht hängen. Dabei zeichneten sie sich mit tollem Pass- und Kombinationsspiel aus, dass die Herren Ibesivic, Salihovic und Ba gnadenlos vollendeten.

Ein Wort noch zum Schiedsrichter Günter Perl. Mit Sicherheit hatte er gestern nicht seinen besten Tag. Dass er nach dem Spiel von der Bremer-Fans ausgepfiffen wurde, ist aus meiner Sicht allerdings nicht berechtigt. Im Gegenteil, ich hätte Mertesacker bereits in der ersten Halbzeit zum Duschen geschickt. Dass wir einen 3-Tore-Vorsprung gegen einen Aufsteiger nicht über die Zeit retten können, ist einzig und allein der Mannschaft zuzuschreiben.

Es wird schwierig sein, die Mannschaft bis Mittwoch wieder auf den Boden zurückzuholen. Außerdem bin ich gespannt, inwieweit die Spieler das Spiel physisch verkraftet haben. Inter ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Die werden unser „blindes“ Anrennen noch ganz anders bestrafen, als es die Hoffenheimer gestern getan haben.

gar nichtnicht so gutdurchschnittlichguthervorragend (Stimmen: 6, Durchschnitt: 5,00 von 5)
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11 Kommentare »

  • Conti sagt:

    Ich dachte wir spielen gegen Inter und nicht gegen Milan? ;-)

    Man muss bei dem Spiel folgendes bedenken: WIr spielen gegen einen Aufsteiger und führen nach 30 (!) Minuten mit 4:1 (!!). Dass da die taktische Disziplin über den Haufen geworfen wird ist nicht nur werderanisch, sondern auch menschlich. Gut, einer Jose-Truppe (noch dazu einer italienischen) wird das nicht passieren. Wir haben halt zu oft zu hoch gewonnen, als dass man da zurückschaltet bzw anfängt zu kontrollieren

    Über die Leistung von unseren AVs gibts wohl keine zwei Meinungen, aber ich sehe das SPiel insgesamt mittlerweeile etwas weniger kritisch. Fritz wird wieder in FOrm kommen (er kann es ja!) und ich denke TS wird demnächst PP spielen lassen. Dazu noch Vranjes und wir stehen (wie du schreibst) deutlich besser. Schaaf hat sich vielleicht gedacht, wenn wir uns hintenreinstellen (was wir nicht können) dann spielen wir Dortmund und verlieren. Die Aufstellung war schon ok, aber wenn die SPieler dann durchdrehen… wechselt er nach 30 Minuten defensiv gibt er auch ein falsches Signal an die Mannschaft.

    Ich glaube nicht, dass diese offensive Aufstellung in Zukunft oft gespielt wird, höchstens wenn wir hinten liegen sollten.

    Je länger ich nachdenke, desto optimistischer werde ich. Mittwoch nicht verlieren und die BuLi-Serie fortsetzen, dazu das straucheln der Bauern… da geht was!

  • Karsten sagt:

    Danke für den Hinweis mit Inter / Milan. Ich hab es geändert.

  • Lars sagt:

    So, ich hab mich dann auch mal wieder von diesem Spiel erholt und kann nun ein wenig Senf dazugeben. ich hab das Spiel gestern zeitversetzt auf Werder TV gesehen, ohne vorher das Ergebnis zu kennen und bin auch fast wahnsinnig geworden. Beim zweiten Tor von Özil war ich nahe dran, die gesamte Nachbarschaft zusammenzuschreien vor Glück und Erleichterung. Vorausgesetzt, dass es für uns gut endet, möchte ich genauso was immer wiedersehen, vielleicht ab und zu mal mit einem 1:0 oder 2:1 dazwischen, damit es irgendwann nicht langweilig wird. Aber wegen solcher Spiele bin ich so verdammt froh, Werderfan zu sein und nicht Anhänger irgendeiner blauweißen oder rotweißen Gurkentruppe mit ihren langweiligen Siegen oder Unentschieden.

    Die Abwehrleistung war natürlich durchgehend schlecht. Gerade Boenisch hat sich wohl sehr stark vom Offensivdrang anstecken lassen und nach dem 4:1 irgendwie jede Konzentration über Bord geworfen (die er vorher allerdings auch nicht wirklich hatte…). Ich sehe das Ganze dennoch nicht so kritisch, Boenisch ist noch jung und wird besser werden. Sehr gut finde ich, dass an ihm festgehalten wird; andere Mannschaften wie die Bayern haben angeblich junge deutsche Riesentalente, die allerdings nicht spielen dürfen und sich dementsprechend auch nicht weiterentwickeln können. Auch Özil wird wieder schlechte Spiele machen und ich hoffe, dass er dennoch weiterspielt. Er ist wirklich der absolute Wahnsinn und wenn er weiterspielen darf und auch mal Fehler machen darf, wird Diego niemand vermissen! Was mir an ihm vor allem auffällt: man sieht bei ihm einen klaren Fortschritt im Vergleich zur letzten Rückrunde. Er ist sehr gut integriert und wirkt viel robuster und kräftiger.

    Bei Fritz sehe ich es anders; er scheint mir seit Wochen völlig abwesend auf dem Platz, während man Boenisch zumindest den Willen nicht absprechen kann. Ich glaube, er, also Fritz, könnte wirklich mal eine Pause gebrauchen.

    Ansonsten wird Schaaf gegen Mailand wohl nicht wieder so offensiv spielen lassen, ich denke auch, dass Vranjes da sehr gut passen würde. Und auch die anderen werden wissen, wen sie da vor sich haben und wen nicht.

    Ein Vorteil für uns könnte sein, dass Inter erst heute Abend spielt und dann auch noch in Milan. Da macht der Kräfteverschleiß von gestern hoffentlich nicht so viel aus…

    Ach ja, noch was: Nicht ich,sondern Patrick hat den von Dir verlinkten Beitrag geschrieben… :-)

  • patrick sagt:

    öhm bei dem verlinkten beitrag, hab ich da von lars was verpasst oder bin ich irgendwie blind?

    zu deinem eintrag, top! ich stimme dir rundherum in allen punkten mehr als deutlich zu!

  • patrick sagt:

    haha lars, sorry hab deinen kommentar gerade gelesen ;o)

  • Stephen sagt:

    Jungs, das mit dem Fritz müsst ihr doch verstehen: Der pokert nämlich um einen neuen Vertrag. Wo kommen wir denn hin, wenn man seine Forderung nach mehr Geld auch noch mit guten Leistungen unterstreichen würde?
    Was die Defensive angeht, befürchte ich, dass man sich wohl einfach damit abfinden muss. Die Viererkette rückt soweit auf, dass jeder Stellungsfehler da hinten immer gleich dazu führt, dass ein gegnerischer Stürmer frei vor Wiese auftaucht. Alles Teil des Systems und ja auch nicht erst seit dem letzten Samstag so.
    Wenn Schaaf nicht bald mal den Boenisch rausnimmt, dann muss ich bei Tommy mal Fierbermessen gehen. Hinten ein Sicherheitsrisiko und nach vorne oft auch wirkunglos.
    Und: Top-Beitrag!

  • Gerriet sagt:

    Ich möchte zu bedenken geben, dass der Zwischenstand von 4:1 nach 30 Minuten nur dadurch zustande kam, weil Hoffenheim seine Chancen teils kläglich vergeben hat. Eigentlich hätte es 3:3 oder gar 4:4 stehen müssen. Wenn mann dann die Euphorie auf den Rängen berücksichtigt – das kann an einer Mannschaft auch nicht spurlos vorbei gehen – dann finde ich es gar nicht so verwunderlich, dass da noch etwas passieren kann. Und wenn dann auch noch individuelle Fehler hinzu kommen, dann ist bei dem großartigen Offensivspiel der Hoffenheimer auch ein 3-Torevorsprung relativ schnell dahin.

    Die Schiedsrichter-Pfiffe haben in meinen Augen ihre volle Berechtigung: Mertesacker nicht vom Platz zu stellen, war schließlich auch ein Fehler, das war nicht nur eine unglückliche Leistung, sondern eine richtig schlechte. Die Hoffenheimer haben in der zweiten Hälfte ja irgendwann selbst gemerkt, dass sie in einem Zweikampf nur fallen müssen und schon einen Freistoß aus zum Teil aussichtsreicher Position zu bekommen. Die sind ja übertrieben formuliert am Ende schon gefallen, da war der Pass des eigenen Mitspielers noch gar nicht angekommen, geschweige denn Kontakt zum Gegenspieler.

  • DECoien sagt:

    Das Spiel war der Hammer
    Jeder Fußballfreund in Deutschland sollte sich freuen, dass eine so erfrischend spielende Mannschaft wie Hoffenheim den Weg in die erste Liga geschafft hat. Es macht Spaß ihr zuzusehen. Es macht Freude, sie gewinnen aber auch sie (vor allem gegen Bremen) verlieren zu sehen.

    Man muss Herrn Hopp außerhalb von Hoffenheim und Umgebung nicht lieben und nicht bewundern. Man darf ihn aber respektieren, für das, was er in der Region und auch in Deutschland für den Fußball leistet. Etwas gelassener sollte Herr Hopp vielleicht umgehen mit den Schmähungen und sich vielleicht mal mit Uli Hoeneß oder Olli Kahn über ihre “Schmährufsammlungen” unterhalten.

    Was die finanziellen Seite betrifft, denke ich, dass Deutschland mehr Hopps benötigen würde, um international wieder erstklassig zu werden.
    http://www.blicklog.com/2008/09/29/bundesliga-braucht-mehr-hopps-und-andere-finanzierungsmoglichkeiten-wenn-sie-erstklassig-bleiben-will/

  • Conti sagt:

    3 Spiele für Merte, das kann ja wohl nicht wahr sein!!

  • cons sagt:

    nunja, merte wird wohl nicht den unterschied ausmachen, schliesslich hat er ja schon des öfteren gefehlt in dieser saison…

  • Mo sagt:

    Aber ohne Merte haben wir diese Sasion noch kein Spiel gewonnen und für eine Notbremse die noch nichtmal 100 % eindeutig war sind 3 Spiele ja wohl ein Witz!
    Für Tätlichkeiten gibt es oft auch 3 Spiele Sperre…

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