Anderlecht lässt grüßen
Wenn eine gegnerische Mannschaft, die vor dem Spiel von den Bremer Anhängern mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt worden ist, nach dem Spiel unter Standing Ovations verabschiedet wird, muss in den vergangenen 90 Minuten etwas Großes passiert sein. Groß war vor allem eines: das Spektakel und die Show! Mit der Offensivbrille betrachtet, war es das Beste, was ich seit Jahren von zwei Mannschaften gesehen habe. 9 Tore und unzählige Torchancen auf beiden Seiten, die zum einen durch eklatante Fehler ermöglicht worden waren, aber insbesondere auch durch grandioses Zusammenspiel.
Patrick hat mit seiner Sicht der Dinge absolut Recht. Was Werders Abwehr (vielleicht mit Abstrichen von Naldo) gestern abgeliefert hat, war eine absolute Katastrophe. Ich bin normalerweise jemand, der die Schuld nicht allein auf die Viererkette schiebt, sondern die Probleme in der gesamten Defensivleistung der Mannschaft sieht, allerdings war gestern offensichtlich, dass die Sportkameraden Fritz und Boenisch total überfordert waren.
Über Fritz braucht man eigentlich gar nicht mehr zu sprechen: in dieser Saison spielt er einfach unterirdisch, wenn er die grün-weiße Raute überstreift (mit dem Bundesadler funktioniert es komischerweise ganz gut). Sein Stellungsspiel und vor allem der Antritt und das Zweikampfverhalten könnte sich ohne Probleme auf jedem Bolzplatz dieser Republik einreihen. Daran, dass sein Laufstil immer ein wenig so wirkt, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen, habe ich mich ja schon gewöhnt, aber im Moment sieht es nicht nur so aus…
Sein Gegenüber, Sebastian Boenisch, kann Spiele entscheiden. Leider nicht im positiven Sinne. Obwohl er im Gegensatz zu Fritz auch mal das ein oder andere Duell gewinnt, spielt er pro Partie mindestens einen Pass unbedrängt zum Gegner. Das Fatale dabei ist, dass ihm das immer wieder in der Vorwärtsbewegung passiert und er seinem Gegner damit in der Regel eine 1-gegen-1-Situation mit Wiese offeriert.
Per Mertesacker hat leider auch noch nicht zu seinem Stellungsspiel zurückgefunden. Allerdings hat die Innenverteidigung derzeit auch keinen leichten Stand, wenn Frings die 6er-Position einnimmt. Gegen die Bayern machte Vranjes seine Sache sehr gut. Er setzte zwar nicht die Akzente nach vorne, wie es der Lutscher macht, aber nichtsdestotrotz schießen wir auch ohne diese Vorstöße unsere Hütten. Mir wäre es daher lieber, wenn wir dem Laden hinten zu ein wenig mehr Stabilität verhelfen könnten.
Unterm Strich - und damit möchte ich die Defensivkritik auch abschließen - gilt die Phrase: “die Stürmer gewinnen das Spiel, die Abwehr gewinnt die Meisterschaft”. Dass wir 2004 Meister geworden sind, lag zum einen an unserer Offensivstärke um Micoud und Ailton, aber auch am kongenialen Duo Ismael und Kristajic. Sollten wir es nicht schaffen, die Flüchtigkeitsfehler abzustellen, wird es auch dieses Jahr nichts mit dem ganz großen Coup.
Nach dem Abpfiff sagte jemand neben mir an der Toilettenrinne, dass ihn das heutige Spiel an die legendäre Partie gegen den RSC Anderlecht erinnert habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich so ein Spiel auch schon lange nicht mehr erlebt. Es trafen mit Werder und Hoffenheim zwei Mannschaften aufeinander, die das Offensivspiel lieben und auch über die Einzelspieler verfügen, diesen Sport zu zelebrieren. Ich kann mich nicht entscheiden, welches Werder-Tor das schönste war. Das der Özil drei Mal auf Tor hämmert und das Leder davon zwei Mal unter dem Gebälk einschlägt, ist einfach unglaublich! Vor allem inspirierte mich die Selbstverständlichkeit, die er dabei an den Tag legte. Ich glaube an diesem Jungen werden wir noch eine Menge Freude haben. Aber auch die Tore von Hunt, Diego und Pizzaro müssen sich nicht davor verstecken. Letztlich kann man es mit einem Wort umschreiben: “Perfekt”.
Im 11-Freunde-Jahresheft habe ich schon angedeutet, dass ich Hoffenheims Erfolg eher kritisch gegenüberstehe. Andererseits hat Herr Hopp mir mit der gestrigen Partie den ganz großen Zirkus verschafft und dafür bin ich ihm irgendwie auch wieder dankbar. Nachhaltig beeindruckt hat mich insbesondere, dass die Hoffenheimer nie aufsteckten. Anders als die saturierten Bayern vor einer Woche, stürmten die Jungs mit den blauen Trikots auch nach dem 1 zu 4 immer wieder nach vorne und ließen die Köpfe nicht hängen. Dabei zeichneten sie sich mit tollem Pass- und Kombinationsspiel aus, dass die Herren Ibesivic, Salihovic und Ba gnadenlos vollendeten.
Ein Wort noch zum Schiedsrichter Günter Perl. Mit Sicherheit hatte er gestern nicht seinen besten Tag. Dass er nach dem Spiel von der Bremer-Fans ausgepfiffen wurde, ist aus meiner Sicht allerdings nicht berechtigt. Im Gegenteil, ich hätte Mertesacker bereits in der ersten Halbzeit zum Duschen geschickt. Dass wir einen 3-Tore-Vorsprung gegen einen Aufsteiger nicht über die Zeit retten können, ist einzig und allein der Mannschaft zuzuschreiben.
Es wird schwierig sein, die Mannschaft bis Mittwoch wieder auf den Boden zurückzuholen. Außerdem bin ich gespannt, inwieweit die Spieler das Spiel physisch verkraftet haben. Inter ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Die werden unser “blindes” Anrennen noch ganz anders bestrafen, als es die Hoffenheimer gestern getan haben.
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