Langweiliger Fangesang?

Karsten 18. Mai 2007 10 Kommentare Drucken

Bis vor kurzem war Spiegel Online für mich eigentlich nur die Nummer 1 der Internetangebote, wenn es um aktuelle und seriöse Nachrichten fernab vom Fußballgeschehen ging. Seit kurzem gucke ich aber auch regelmäßig in die Sport-Rubrik. Mitunter haben die dort veröffentlichten Kolumnen echten Charme und Blog-Charakter. Über Achim Achilles‘ „S04 – die Uschis vom Revier“ wurde schon debattiert. Heute habe ich diesen gelungenen Artikel von Christoph Ruf über die Fangesänge der deutschen gelesen und wollte zu einigen Passagen kurz meine Meinung kundgeben.

„In allen drei Ligen […] erschallt beim Abschlag des gegnerischen Torwarts ein ‚Arschloch, Wichser, Hurensohn‘, der Gegner wird wahlweise mit ‚Scheiß X‘ oder ‚Xer Arschlöcher‘ bedacht. Nicht, dass ich etwas gegen Gegnerbeschimpfungen hätte. Die gehören zum Fußball unbedingt dazu und lassen sich mit Shakespeare-Zitaten eben nicht besonders glaubwürdig artikulieren. Aber eben auch nicht mit Drei-Wort-Tourette-Stakkatos, die jeder Profi in seinem Leben schon 4837-mal gehört hat.“

Recht hat er, der Herr Fuß, besonders einfallsreich ist das wirklich nicht. Allerdings glaube ich, dass es nicht darauf ankommt, was die Leute schreien, sondern wie sie es schreien. Wenn 40.000 Kehlen „Hoeneß, du Arschloch“ brüllen, erfüllt das absolut seinen Zweck und ist höchst eindrucksvoll. Allerdings stelle ich Beschimpfungen jeglicher Art (gegen die gegnerische Mannschaft oder den Schiedsrichter) grundsätzlich in Frage. Nein, es liegt nicht unter meinem Niveau! Vielmehr denke ich, dass es kontraproduktiv ist. Wenn ein ganzes Stadion hasserfüllt deinen Namen brüllt, dann hast du es einfach geschafft, dann bist du wer. Im Wortmann-Film, der übrigens gerade auf NDR lief, sagt Schweini, dass ihn das zusätzlich motivieren würde. Das glaube ich gerne. Ich würde einiges dafür geben, dieses Gefühl selber mal erleben zu dürfen :). Zum Beschimpfen von Schiedsrichtern muss wohl nichts gesagt werden. In der Regel werden die Männer in schwarz dadurch nur noch fahriger als sie es ohnehin schon sind.

„Denn was hört man allüberall aus den Fankurven? Zu drei verschiedenen Melodien die Lobpreisung des jeweiligen Vereinsnamens in Kombination mit den Worten ‚Super‘, ‚Olé‘ oder ‚Schalala‘. […] Wahrscheinlich vertonen deswegen auch so viele Ultras aus lauter Frust 90 Minuten lang Kinderreime à la ‚Auf geht’s, Name der Heimmannschaft, schieß‘ ein Tor, schieß ein Tor für uns.'“

Das geht mir auch tierisch auf den Senkel! Dieser monotone, wirklich wenig geistreiche Singsang dient doch eigentlich nur als Lückenfüller. Wenn man ehrlich ist, kommt dadurch keine Stimmung auf. Meistens passt es zur aktuellen Spielsituation: langweiliges Mittelfeldgeschiebe ohne jeglichen Raumgewinn. Ich glaube atmosphärisch wäre es viel effektiver, wenn man zwischendurch einfach mal die Klappe hält, um dann wirklich zu explodieren. Die Dialoge zwischen Ober- und Unterrang der Ostkurve oder zwischen Ost- und Westkurve waren die absoluten Stimmungs-Highlights im Weserstadion in dieser Saison. Dieses Instrument in den richtigen Situationen macht mehr her als einschläfernde Hintergrund-Rhythmen.

„Wetten wir, dass auch nächste Saison wieder Bananen fliegen, wenn Oliver Kahn bei der Gästemannschaft im Tor steht? Und garantiert wird wieder jemand ‚Fahrkartenkontrolle‘ brüllen, wenn sich nach dem Spiel endlich die vollbesetzte U-Bahn in Bewegung gesetzt hat“.

Oh, Christoph, du Bruder im Geiste. Wann begreifen diese Dussel eigentlich, dass das nie witzig war und auch nie witzig werden wird? Besonders schlimm ist das nach einer Niederlage. Da steht man dann in einer dichtgedrängten Bahn und stört sich an den Achselhaaren eines Leidesgenossen, die einem so langsam in die Nase kriechen. Eigentlich möchte man den Frust in sich hineinfressen und wäre am liebsten alleine und dann bringt irgendso eine Flitzpiepe auch noch so einen dämlichen Kalauer, der nicht mal als Ventil dienen kann, weil man – selbst wenn man wollte – den Kerl niemals erreichen könnte.

Doch wir gleiten vom Thema ab! Abgesehen von den angesprochenen Verbesserungsmöglichkeiten bin ich mit dem in der Bundesliga ganz zufrieden. Dass wir trotz Tartanbahn für Stimmung Sorgen können, hat die WM bewiesen und beweisen nicht zuletzt Mannschaften wie Stuttgart und auch Bremen im Bundesligaalltag. Und einfallsreich hin oder her. Darauf kommt es doch letztlich nicht an. Der Hauptgrund für meine Stadionbesuche sind die 90 Minuten Emotionen, die ich vor dem Fernseher einfach nie erleben könnte. Dort kann ich rumschreien und schimpfen wie es mir passt. Von mir aus muss das auch nicht besonders geistreich sein ;).

Und, weil es gerade passt, noch ein kleiner Steilpass zum Schluss. Markus hat gestern ein Video gepostet, in dem der gesamte Celtic Park You’ll never walk alone singt. Keine Frage, Gänsehaut pur. Doch möchte ich daran erinnern, dass das der Song vom FC Liverpool ist. Und darum hat das in anderen Stadien nichts zu suchen. Schon gar nicht, wenn es so erbärmlich vorgetragen wird wie im Weserstadion nach der 2 zu 1 Niederlage gegen Espanyol Barcelona. Oder habt ihr schon mal gehört, dass ein Haufen Anhänger in Anfield Lebenslang grün-weiß anstimmt?!

gar nichtnicht so gutdurchschnittlichguthervorragend (Stimmen: 6, Durchschnitt: 2,17 von 5)
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10 Kommentare »

  • Annabelle Meyer sagt:

    Ich bin der Ansicht, dass sich die Fans mit den teilweise üblen Beschimpfungen die Möglichkeit nehmen, auf das Geschehen auf dem Spielfeld einzuwirken. Es wäre meines Erachtens sinniger, wenn sich derartige Äußerungen auf Spieler beschränken, die sich unfair verhalten. Sie könnten so wesentlich mehr Wirkung erzielen.

    Zu You’ll never walk alone:

    Das ist nicht Hampden, sondern Celtic Park. Der Song gehört auch nicht dem FC Liverpool, sondern ist in weiten Teilen der Insel populär. Sehr schön war die Darbietung übrigens, als die Fans des SV Werder den Song an der Stamford Bridge vorgetragen haben.

  • Joern sagt:

    Ich gebe Dir recht, Beschimpfungen stacheln eher an als das sie dem Gegner schaden.
    Wenn man aber nicht der absolut abgebrühteste Coolman ist stört eins aber bestimmt: Höhnischer Applaus bzw. Jubel.
    Wenn man den Ball nicht richtig trifft und die (gegnerischen) Fans jubeln bei so einer Aktion wirkt das spätestens beim zweiten mal mit Sicherheit.

    Noch ein Satz zur Bananensache mit Kahn: So sehr ich Oliver Kahn nicht leiden kann, das bewerfen mit Bananen ist wirklich unterste Schublade und kann definitiv nur von Idoten gemacht werden!

  • Karsten sagt:

    Du hast recht, Annabelle, natürlich ist es der Celtic Park. Ich habe es korrigiert. Dennoch bin ich der Meinung, dass der Song bei Werder nichts zu suchen hat.

  • Annabelle Meyer sagt:

    Warum nicht?

    You’ll never walk alone ist doch ein schmuckes Allgemeingut, das einem amerikanischen Musical entstammt. Das kann jeder trällern. Selbst wenn es der Song des FC Liverpool wäre, spräche nur wenig dagegen, ihn zu übernehmen. Die meisten Rituale oder Songs der Fanszene wurden irgendwo mal populär, um dann von anderen übernommen zu werden. Die Fans des FC Liverpool singen ihr Fields of Anfield Road auch mit Inbrunst, obwohl es eine Adaption des irischen Volksliedes Fields of Anthenry ist, das die Damen und Herren von Celtic gerne zum Besten geben.

  • Wolfgang sagt:

    „You´ll never walk alone“ gehört natürlich irgendwie zum FC Liverpool, da würde ich Dir recht geben. Allerdings: Nur weil die es vielleicht zuerst im Stadion gesungen haben, heißt es noch lange nicht, daß andere Fans das nicht auch trällern dürfen. Das Hamburger Abendblatt zum Beispiel veröffentlichte für St. Pauli-Fans vor einigen Jahren einmal den Text auf einer ganzen Seite.

    Und bevor ich jetzt noch schnell Annabelle zustimmen muss (Gesanglich waren wir an der Stamford Bridge ganz weit vorne!):
    „Lebenslang grün-weiß“ anstelle von „You´ll never walk alone“ fände ich auch mal ganz nett.

  • Oliver (Breitnigge) sagt:

    @Karsten: Sowas nennt man Content Syndication. Denn der Inhalt ist mitnichten von Spiegel-Online. Es sei denn SpOn-Redakteure schreiben neuerdings hauptamtlich für „Rund“ und „11Freunde“.

    Ich bin 11Freunde-Abonnent und muss immer wieder ein wenig schmunzeln, wenn ich einen – zugegeben – ziemlich guten Artikel Wochen später auf SpOn erblicke.

    Man muss ihnen aber zugestehen, dass eindeutig dargelegt wird, dass der Content von einer andere Quelle stammt.

    Zum Inhalt:

    Man kann von Fangesängen halten was man will und für mich hat es (einmal mehr) Arnd Zeigler in der aktuellen 11Freunde-Ausgabe mehr als treffend betitelt: „Staubsauger auf den Rängen“.

    Was eine weitere Frage aufwirft: Wer hat hier wiederum von wem abgeschrieben?! ;-)

    Zu „You´ll never walk alone“:

    Für mich ist es das Lied des FC Liverpool. Vor allem nach den Stadientragödien der 80er habe ich es heute noch im Ohr – Gänsehaut.

  • Karsten sagt:

    Hehe, ich weiß schon, was Content Syndication ist ;). Wenn man darauf achtet, kann man in der Tat erkennen, dass es sich hierbei darum handelt. „Eindeutig dargelegt“ finde ich es allerdings nicht.

  • Oliver (Breitnigge) sagt:

    Na ein dickes Logo oben und Hinweis links vom Text. Ok. Mag sein, dass das nur wir sehen, die wir diese Logos auch zuordnen können…
    ;-)

  • Arne sagt:

    Ein Leeebeeenn laaaaaaaaang,
    dieselbe Unterhose aaaaaann,
    dieselbe Unterhose aaaaaann,
    dieselbe Unterhose aaaaaann.

  • Karsten sagt:

    Ist ja gut, ich gebe mich geschlagen ;).

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