Ode an Johan Micoud

Karsten 10. Juni 2006 5 Kommentare Drucken

„Ich wäre sehr, sehr enttäscht, wenn Johan geht. Es wäre ein schwerer Verlust, der für die Mannschaft nicht aufzufangen ist“, sagte Miro Klose zuletzt in einem Interview. Treffender kann man den Weggang von aus Bremer Sicht wohl kaum kommentieren.

Johan MicoudDie Fans in Bremen haben ihn geliebt. Zum Einen natürlich für sein geniales Spiel, zum Anderen aber auch, weil er ein echter Typ ist. Aus seinem Gesicht wurde niemand schlau. Egal ob Werder mit drei Toren führte oder hintenlag, seine Miene führte bei Gegenspieler und Zuschauer zu einer Gänsehaut. Nein, Lächeln ist nicht seine Stärke. Schon gar nicht auf dem Fußballplatz. Freundlich guckt er eigentlich nur, wenn er mal wieder ein Tor erzielt oder vorbereitet hat. Und das ist ihm für Werder in 123 Spielen 69 Mal gelungen (31 Tore, 38 direkte Torvorlagen).

Warum gerade der Beatle-Klassiker Hey Jude zum Micoud-Song umformuliert worden ist, bleibt wohl ein Geheimnis. Die ersten Zeilen des Textes passen aber schon sehr gut auf Micouds Wirken in Bremen: „Hey, Jude, don’t make it bad. Take a sad song and make it better.“

Micoud wirkte immer ein wenig unnahbar. Das wurde neben seinem Auftreten auf dem Fußballplatz besonders im Verhältnis zur Presse (insbesondere zur deutschen) deutlich. Nachdem einige Print-Medien ihn als „launische Diva“ bezeichnetet hatten, entschloss sich Micoud einfach nicht mehr mit der Presse zu sprechen. Darüber hinaus weigerte er sich strikt, Interviews auf deutsch zu geben. Nach eigenen Aussagen hatte er wohl Angst vor Missverständnissen. Dadurch entstand der Eindruck, dass er sich mit seinem deutschen Verein nicht wirklich identifizieren würde. In einem Interview mit dem NDR im Sportclub Live bewies er allerdings vor kurzem, dass er sehr wohl der deutschen Landessprache mächtig ist, diese aber eben nur dann anwendet, wenn er Lust dazu hat.

Micoud in DenkerposeIn der Bremer Kreiszeitung sagte er am 05.09.2004: „Ich bin tatsächlich etwas scheu und unnahbar. Durch das Fußballspielen ist es mir gelungen, mich etwas mehr auszudrücken. Aber wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, ist es immer ein wenig schwierig. Nach und nach gelingt es mir erst, mich der Person ein wenig zu öffnen.“

Micoud ist ein Spieler, den man 90 Minuten lang nicht sieht, der dann aber im entscheidenden Moment durch einen genialen Pass das gesamte Spiel drehen kann. Natürlich gab es auch Spiele, in denen Micoud ohne Zweifel als „Totalausfall“ bezeichnet werden konnte. Doch Le Chef leistete allein durch seine Präsenz einen positiven Beitrag und zog damit vor allem die jüngeren Spieler in seinen Bann. Er selber sagte in einem SPIEGEL-Interview am 23.12.2005 dazu: „[…] ich versuche, meine Erfahrung einzubringen. Ich bin nicht der Typ, der viel redet, obwohl ich durchaus auch mal laut werden kann – einfach, um eine Reaktion bei den anderen zu erreichen. Wichtig ist die Haltung, dass man gemeinsam diesen ganz besonderen Siegeswillen entwickelt. Und dass man wirklich alles dafür tut.“

Micoud schreit zum AngriffMicoud war einer der zentralen Faktoren des Double-Erfolgs 2003/04 und er sorgte dafür, dass Werder drei Jahre nacheinander in der Königsklasse vertreten ist. Gerade auf diesem internationalen Parkett zeigte er, wie wichtig er für das Bremer Spiel ist. Er war das I-Tüpfelchen in der legendären Werderraute.

Werder verliert mit ihm einen genialen Spielmacher. Einen Regisseur, der in der Bundesliga seines Gleichen sucht. Er sagte zuletzt: „Ich hatte eine tolle Zeit in Bremen. Mit der Mannschaft und den Fans habe ich großartige Momente erlebt.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.

Au revoir und merci beaucoup, le monsieur!

>> Bildquellen: werder.de und Eurosport.fr <<

gar nichtnicht so gutdurchschnittlichguthervorragend (Stimmen: 3, Durchschnitt: 5,00 von 5)
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5 Kommentare »

  • Hinnerk sagt:

    Schüss,.. Chef :(

  • Johan Micoud geht : Bundesliga-Blog sagt:

    […] Update: Eine Ode an Le Chef […]

  • Evelyn sagt:

    Merci Joe, einen besseren wie Dich gab´s bei Werder nie und wird es auch nicht mehr geben. Vielen Dank für die vergangenen schönsten 4 Jahre Fussball in Bremen. Viel Glück
    in Bordeaux. Vielleicht gibts ein Wiedersehen in der CL. Au revoir

  • Tingel sagt:

    Ich hoffe das zum Abschied die Hütte nochmal ordentlich voll ist wenn zum letzten Mal „Hey Jude“ angestimmt wird. Ich finde es wirklich schade das er geht. Und auch ein Lob an die Werder Führung die in solchen Angelegenheiten nicht auf Verträge besteht sondern auch den Wunsch eines Spielers respektiert und ihn ohne Vertragspoker ziehen lässt. Das zeigt die Menschlichkeit und den Respekt vor Leuten wie Micoud, was man bei anderen Vereinen ja schon hin und wieder vermisst.

  • WERDERBLOG.NET - Werder Bremen Weblog » Johan Micoud sagt:

    […] Johan Micoud Den ersten Eintrag in der Heldengalerie bekommt Johan “Le Chef” Micoud, der zum Einen durch seine fußballerische Klasse für Furore (und Titel) gesorgt hat, und zum Anderen – und das ist mir an dieser Stelle viel wichtiger – durch seinen eigenwilligen Charakter den Verein unvergleichbar geprägt hat. Da wäre z.B. sein konsequentes Schweigen gegenüber der deutschen Presse, nachdem er sich von einer Zeitung ungerechtfertigt kritisiert gefühlt hatte. Nebenbei wissen nur die wenigen, dass Johan relativ mächtig der deutschen Sprache ist, da er sich in seinen wenigen Interviews ausschließlich auf franzözisch äußerte. […]

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